[Rezension] Das Blut von London



London, 1781: Aus dem Nebel der Hafendocks schält sich das Bild eines schrecklichen Verbrechens. Eine männliche Leiche, die Brandmale aufweist. Harry Corsham, der zur oberen Gesellschaftsschicht gehört, erfährt, dass es sich bei dem Ermordeten um seinen Jugendfreund Tad handelt. Erinnerungen kommen bei ihm auf, aus Zeiten, in denen Tad und er noch voller Ideale waren. Corsham will die Mörder seines Freundes finden, um Seelenfrieden zu erlangen. Doch damit stellt er sich gegen die Mächtigen Londons. Für seine Familie und ihn geht es jetzt um Tod oder Leben.

 Triggerwarnungen für dieses Buch: 



Meinung: 

Der Klappentext von das Blut von London hat mich sofort gepackt. Ich liebe historische Krimis und dass die Autorin ihre Geschichte 1781 anstatt im so beliebten viktorianischen England spielen lässt, war ein weiterer Anreiz. 
Ich freute mich auf das Buch und die ersten fünzig Seiten waren auch ein sehr gelungener Einstieg, doch danach verlor sich die Geschichte in vielen Themen die mich bei historischen Romanen immens  stören. Ich werde meine Besprechung in drei Punkte aufteilen. Setting, Aufbau und Charaktere. Ich kann meine Kritikpunkte nur dann anbrigen, wenn ich Teile des Inhalts bespreche, deshalb gebe ich hier eine ganz klare  
SPOILERWARNUNG.

Torture Porn par excellence 

Wie ich schon sagte liebe ich historische Kriminalromane und der o.g. Klappentext war ein Grund warum ich mir das Buch bestellt habe. Leider lässt er das eigentliche Thema des Buches außen vor. Den englischen Sklavenhandel. 
Hätte ich gewusst, dass sich das Buch größtenteils um dieses Thema dreht, hätte ich davon abgesehen es zu lesen. 

Die Sache ist nämlich die, dass Laura Robinson uns mit Henry einen Protagonisten an die Hand gibt, der absolut kein Business mit dem Sklavenhandel hat. Er ist weder ein aktiver Teil der abolitionistischen Bewegungen, wie sein ermordeter Freund, noch ein Profiteur. Er ist wir und verbringt den Großteil des Buches damit, sich "Horrorgeschichten" über die Sklaverei anzuhören und empört zu sein. Dabei bedient sich die Autorin mitunter rassistischer Sprache und das N-Wort fällt oft genug um ein Trinkspiel daraus zu machen.
Versteht das bitte nicht falsch, die Reaktion ist gerechtfertigt, allerdings schmückt die Autorin das alles so aus, dass es Torture Porn aller erster Güte ist. Immer wieder werden detailreiche Episoden über die Folter und die Ermordung von Sklaven in den Text gestreut und es war mir schnell zu viel. Nicht, weil ich Gewahlt oder die Realität nicht ertragen kann, sondern weil diese Szenen nur der Empörung dienen und Henry einen Grund geben, sich rechtschaffend zu fühlen.

Was mich auch unsagbar stört ist das Setting an sich. Henrys Freund fand heraus, dass bei einer Überfahrt in die Karibik 300 Sklaven auf grausame Art ermordet worden, und das bildet sozusagen den Unterbau der Geschichte. 
300 Tote und die Crux daran ist, dass man einfach weiß, dass diese 300 Menschen nicht zählen. Dass Henry NICHT ermittelt, weil 300 Menschen ermordet worden, sondern weil sein Freund tot ist. Und ich als Leserin frage mich halt, ob es wirklich 300 tote Menschen braucht um ein Set Up für einen recht durchschnittlichen Kriminalplot zu haben.  

Von Pontius zu Pilatus und zurück

Ein Problem das die meisten historischen Kriminalromane haben ist, dass sie in einer Zeit spielen, in der es noch keine Forensik gab. Unsere Ermittler haben also das Problem, dass ihnen relativ wenige Mittel zur Verfügung stehen, um das Verbrechen aufzuklären. Meist lässt sich das auf die Befragung von Zeugen und das sammeln von Hinweisen herunterbrechen.Und das ist ja auch nichts schlimmes, denn meistens läuft der Plot ab der Hälfte der Geschichte und der Ermittler kommt dem Täter auf die Spur. 

Das Blut von London hat leider auf im Aufbau arge Probleme. Fast bis zum Ende passieren unheimlich viele Dinge rein zufällig und praktischerweise so, wie der Protagonist es gerade braucht. 

"Was für ein seltsamer Zufall! Genau mit diesen drei Personen wollte ich unbedingt sprechen. Allerdings nicht mit allen zugleich"

S. 303/514 

Auf Seite 303 liegen 60% der Handlung bereits hinter uns und Henry ist immer noch auf solche zufällige Begegnungen angewiesen. Seit dem ersten Kapitel läuft er immer zu den selben Leuten, um diese zu befragen. Er kommt in seinen "Ermittlungen" nur deshalb weiter, weil (sogar seine Gegner) in Gesprächen mit ihm "zufällig" für ihn wichtige Informationen preisgeben und zwar mehrmals (sic). Er zufällig jemanden trifft. Oder Personen zufällig und wie aus dem Nichts heraus, ihre Loyalitäten ändern und das reicht mir einfach nicht. 
Ein Plot muss für sich selbst stehen und spätestens ab der Hälfte einfach laufen, ohne dass bei absolut jeder Szene ein Zufall zur Hilfe kommen muss. 
 
Von der Auflösung am Ende war ich mehr als enttäuscht, weil auch diese ziemlich üble Tropes reproduziert. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen, weil es zu viel vorweg nehmen würde, aber die Auflösung hat mich mehr als sprachlos gemacht und ja, ich bin ein bisschen wütend auf die Autorin. 

 Ich sage das nicht oft, aber ich hätte mir bei das Blut von London einfach mehr Nebenplots gewünscht. Lange blieb für mich die Henrys Beziehung zu seiner Ehefrau ein Rätsel und selbst jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, werde ich nicht wirklich schlau daraus. Es hätte der Geschichte glaube ich ganz gut getan, einmal eine Pause einzulegen und sich auch abseits des Kriminalplottes zu bewegen. 

Verschwendete Charaktere

Für mich sind die Charaktere das absolut wichtigeste in einem Buch und das Blut von London macht es mir wirklich nicht leicht. 
Henry als Ich-Erzähler war in Ordnung, aber mehr auch nicht. Bei den anderen Charakteren sieht es aber ziemlich düster aus. 

Den Charakter den ich noch am meisten mochte war Henrys ermorderter Freund Tad und das sagt glaube ich schon eine ganze Menge. Leider hat die Autorin ihm die Rolle der einzigen queeren Figur im Buch zugeteilt und sämtliche Tropes und üblen Klischees über dem armen Thaddeus ausgeschüttet. 
Natürlich war Tad in Henry verliebt und diese Gefühlt wurden nicht erwiedert. 
Dieses Buch gibt uns das ganze gay torture Drama. Inklusive dem gehässigen Outings von Dritten, mit dem Hinweis darauf, dass man ihn deswegen hängen würde, wäre er nicht eh schon tot. Über den Versuch Henry zu ruinieren, weil man ihm eine Beziehung zu Tad andichten will.Wir haben eine grausame Rückblende in der sich Henry von Tad lossagt und den Trope, dass Tad die perfekte Heterobeziehung von Herny und seiner Frau Caro noch vor der Hochzeit sabotieren will. 
Und ganz im Ernst ich hab diesen Mist sowas von satt. 

Aber nicht nur die LGBT+ Gemeinde bekommt von der Autorin ihr Fett weg, nein, sie ist auch ganz groß ihre Frauenfiguren zu ruinieren.

So wird Tads Schwester einfach brutal ermordet ... weil die Autorin scheinbar nicht mehr wusste, was sie mit ihr machen soll. Ihr Plot vorher bestand eigentlich nur daraus, dass sie Henry um Hilfe gebeten hat und dass sie ständig von Caro dafür geshamed wurde, dass sie "einer anderen Frau den Mann gestohlen hat". Meiner Meinung nach wurde sie einfach nru entsorgt.
Die Frau einer weiteren Nebenfigur hat als letzte Szene eine Aussprache mit ihrem Mann in dem er sie öfter als Hure bezeichnet, weil sie mit seinem besten Freund geschlafen und ein Kind mit ihm hat. Außerdem wurde nur weil sie untreu war ein Sklave brutal ermordet. 
Aus Henrys Frau Caro wurde ich nicht schlau. Sie lebt scheinbar nur fürs Vergnügen und ihre Ambitionen. Aber die Autorin legt ihr in den Mund, dass sie Henry nur geheiratet hat, weil "irgendein Übel muss ich ja nehmen" 
Cinamon, eine Sklavin, ist den ganzen Text über nur das Lustobjekt irgendwelcher Männer und wird immer genauso von der Autorin inszeniert. 

Fazit: 

Das Blut von London hat mich enttäuscht. 
Ich hatte auf einen spannenden Kriminalfall gehofft, der ausnahmsweise nicht im viktorianischen London spielt. 
Bekommen hab ich eine Geschichte die viel zu viel Zeit darauf verschwendet im Detail Grausamkeiten zu beschreiben, nur um der Empörung willen und einen realtiv durchschnittlichen Fall, der von blassen Charakteren durch Zufall aufgeklärt wird.
Danke an Bloggerportal und Heyne für das Leseexemplar

Bibliographische Angaben
Das Blut von London * Laura Robinson *  Heyne Verlag * 512 Seiten *
978-3-453-43937-5

1 Kommentar

Nenatie hat gesagt…

Hallo :)
sehr schade um die Geschichte. Der Klappentext klingt wirklich gut aber hat dann so gar nichts mit dem Buch gemeinsam. Danke für die "Vorwarnung", das Buch verschwindet dann wieder von meiner Beobachtungsliste.

LG