[Rezension] Narren und Sterbliche



Eine phantastische Reise in das London von Elisabeth I

London, im Winter 1595: Die Truppe von William Shakespeare soll zur Hochzeit einer hochgestellten Dame ein neues Stück auf die Bühne bringen, den «Sommernachtstraum». Mit von der Partie: Williams Shakespeares jüngerer Bruder Richard, vom Älteren wenig geliebt und auf der Bühne nur in Frauenrollen geduldet.
Dann geschieht eine Katastrophe: Eine konkurrierende Kompanie lässt das Stück stehlen. Aber Richard weiß, wie die Uraufführung zu retten ist. Er wird das Stück zurückstehlen und damit William dazu bringen, ihn endlich zu respektieren, ihm endlich eine Männerrolle zu geben – und dann fehlt ihm zu seinem Glück nur noch die Hand der schönen Silvia …

Triggerwarnungen für diesen Buch/Rezension

Pädophilie (angedeutet)
Tierquälerei
Sexarbeit
LGBT Klischees

Meine Gedanken

Ich habe schon viele Bücher von Berard Cornwell gelesen. Die Artus-Chroniken sind eine meiner liebsten Bearbeitungen des Stoffes und die Sharpe Reihe hat einen ganz besonderne Platz in meinem Herzen.
Nun hat sich Cornwell ans elisabethanische England gewagt, ans Theater und vorallem an William Shakespeare und ich dachte wirklich, dass dieses Buch mein neues Lieblingsbuch des Autors wird. Leider muss ich sagen, dass es kein gutes Leseerlebnis für mich war und ich wirklich nicht weiß, was der Autor sich bei dabei gedacht hat. 

Ich warne vor, ich bespreche hier Teile des Inhalts, also gebe ich eine Spoilerwarnung. 

Das Plotproblem
Wenn man sich den Klappentext so durchliest, denk man (oder zumindest dachte ich) dass zu Beginn des Buches das Manuskript gestohlen wird und Richard Shakespeare sich dann einen cleveren Plan einfallen lässt, es zurückzustehlen. So etwas wie Oceans 11 in Pluderhosen.  
Die Realität sieht leider so aus, dass wir bereits über die Hälfte des Buches hinter uns haben, bevor "ein Sommernachtstraum" gestohlen wird. Ich dachte dann, dass der Rest des Mittelteils und das Finale für die Wiederbeschaffung genutzt werden, doch auch das war nicht der Fall. 
Richard Shakespeare schafft es, ohne größeren Aufwand oder längere Planung, das Stück zurückzuholen und das ist ein sehr großer Minuspunkt für dieses Buch. Denn was bleibt, neben dem Diebstahl, denn sonst als Plot?
Die Rivalitäten der Schauspieler untereinander. Richards Gefühle für Silvia, seine Probleme mit seinem Bruder William und seine persönliche Entwicklung weg von den Frauen- und hin zu den Männerrollen. 
An sich sind diese Punkte interessant, doch war meine Herangehensweise an dieses Buch eher, dass der Hauptfokus auf dem Diebstahl und der Wiederbeschaffung des Manuskripts liegt. Denn so besteht Narren und Sterbliche zum Großteil aus sich wiederholenden Szenen, endlosen Proben, Eifersüchteleien und (zugegeben atmosphärischen) Beschreibungen des Altagslebens der Figuren. Und das ist mir unterm Strich dann doch zu wenig, denn mir kam es auch hier und da vor, als hätte der Autor extra viel Text aus Shakespeares Werken eingebaut, um noch ein paar Seiten mehr zu schinden.

 
Blasse Figuren
Bis auf Richard sind die meisten Figuren wirklich blass, was nicht heißt, dass Richard ein toller Charakter gewesen wäre. 

Im Kern hatte er einen interessanten Ansatz. Richard ist Schauspieler, bis jetzt hat er, wie damals üblich, Frauenrollen gespielt. Doch dafür wird er langsam zu alt und er will jetzt Männerrollen spielen, doch sein Bruder legt ihm dabei Steine in den Weg. 
An sich, wie gesagt, ein interessanter Ansatz, doch Richard verbringt so viel Zeit damit sich zu beschweren, zu beklagen und ja herumzuheulen, dass er gar nicht merkt, wie viele falsche Entscheidungen er trifft. Und irgendwann war meine Geduld mit ihm am Ende und ich wollte einfach nur, dass er endlich mal erwachsen wird, wir reden hier schließlich von einer Person die 30 ist und nicht 16. 
Es wird auch angedeutet, dass Richard eine dramatische Vergangeheit hat, aber auch das ist eher ein Seitenfüller, denn eine Auswirkung auf seine aktuellen Charakter gibt es nicht. Das gleiche gilt für sein Set-Up als "Dieb". Wir bekommen immer nur gesagt, dass er ein Dieb ist. In Rückblenden und ähnliches, aktiv stiehlt Richard ziemlich wenig. 
Sein Bruder William wird von Richard als absolut narzisischter Egomane wahrgenommen, der zwischen ihm und seiner Karriere steht. Da mag zwar ein wenig Wahrheit drin stecken, denn der William Shakespaere den wir in diesem Buch sehen ist alles andere als symphatisch, nur ist Richards Unfähigkeit etwas an seiner Situation zu ändern so erdrückend, dass ich William da nicht wirklich alle Schuld geben kann. 

Den Großteil der Theatertruppe konnte ich nicht auseinanderhalten. Sie kommen in den endlosen Probenszenen vor, in denen uns der Autor den Plot von "ein Sommernachtstraum" ganze drei Mal von Anfang bis Ende erklärt (sic)

Der einzige Charakter der heraussticht ist der von Simon Willoughby
Simon ist ein junger Schauspieler, der die größten Frauenrollen bekommt und Simon ist schwul. Er ist auch der einzige schwule Charakter in dem Buch und als solcher ist er ein wandelndes Klischee, dass es nur schwer zu ertragen ist. 
Schon sehr früh wird, durch Richard, erklärt, dass Simon mit absolut jedem, überall und immer schläft. Es gibt sogar eine Szene in der Richard Simon und seinen Verehrer dabei beobachtet, wie sie nach einer Aufführung zur Sache kommen. 
Simon ist absolut überzeichnet. Ständig braucht er Annerkennung für seine Darbietung und Aufmerksamkeit. Und wehe etwas funktioniert nicht, dann jammert und klagt und bricht er dramatisch zusammen. 
Oh und als kleiner Bonus, er ist auch noch einer der Antagonisten. 
 Wenn die klischeehafte Darstellung von LGBT+ Charakteren nicht euer Fall ist, dann würde ich euch von dem Buch abraten. Schont eure Nerven. 

Fazit: 
Wenn ich ein Beranrd Cornwell Buch lese, dann weiß ich was ich bekomme. Es ist fundiert recherchiert. Es lässt die Epoche lebendig werden. Und ja, diese beiden Punkte hat der Autor erfüllt. Leider war der Plot von Narren und Sterbliche eine einzige Enttäuschung für mich und die Figuren waren alle zu nichtssagend oder zu anstregend, um die fehlende Spannung oder Tiefe der Geschichte am Ende aufzufangen. 
Wem würde ich das Buch empfehlen?
Hardcorefans von Cornwell, die alles von ihm lesen wollen und Menschen, die wirklich viel über das Theater zu Zeiten Elisabeth Tudor wissen wollen. 

Bibliographische Angaben: 

Narren und Sterbliche * Bernard Cornwell * Orig: Fools & Mortals * Rowolt Verlag * 512 Seiten *
ISBN:  978-3-499-27484-8






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