[Rezension] 1794



Inhalt: 

Nach den Ereignissen des letzten Jahres fällt Jean Michael Cardell in ein tiefes Loch. Die Ermittlungen im Fall der verstümmelten Leiche gaben seinem Leben einen Sinn. Nun ist er wieder da, wo er vorher war. Bis zu dem Tag, als ihn eine Frau kontaktiert: Ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht auf grausamste Weise zugerichtet und getötet. Als Täter wird deren frisch angetrauter adeliger Ehemann identifiziert und in ein Irrenhaus eingewiesen. Die Mutter der Getöteten glaubt diese Version jedoch nicht und sucht Hilfe bei Cardell. Seine Nachforschungen führen diesen erneut in die Abgründe Stockholms, und er muss feststellen, dass die Stadt verruchter und gefährlicher ist als je zuvor.


Triggerwarnung für Buch & Besprechung



Disclaimer:

Ich habe das ungekürzte Hörbuch gehört, daher weiß ich nicht, ob ich die Namen der einzelnen Figuren richtig schreibe.

Meine Meinung:

Letztes Jahr hat mir 1793 wirklich gut gefallen, es war düster und brutal und authentisch. Irgendwann Ende 2018 hab ich dann herausgefunden, dass es eine Fortsetzung geben wird, was mich zunächst sehr verwundert hat, wenn man bedenkt, wie 1793 geendet hat.

Der Klappentext von 1794 klang wieder super intressant und ich freute mich darauf Michael Cardell wiederzusehen. Doch nun, da ich das Buch beendet habe, wünschte ich mir Niklas Natt och Dag hätte es bei einem Band belassen.

Das Problem mit den Rückblenden

Das Buch startet mit Erik Dreirosen. Dem "frischangetrauten adeligen Ehemann" und zuerst dachte ich, es wäre ein kurzes Kick-off, wie man es aus so vielen Büchern kennt, als er sich hinsetzt und anfängt seine "Geschichte aufzuschreiben" Doch ich lag falsch.
Eriks Geschichte beschäftigt uns bis wir die 30% Marke überschritten haben. Fast die Hälfte des Buches also, in der wir Cardell und Winge nur einmal in einer Szene zu Gesicht bekommen. Und diese endlose Rückblende war zudem noch aus anderen Gründen problematisch, auf die ich gleich zu sprechen komme.

Nachdem wir Eriks Geschichte kennengelernt haben, geht es in Teil 2 endlich um Cardell und Winge. Aber dieser zweite Teil endet auch relativ schnell, nach gerade einmal 20% und wir landen bei einer weiteren Nebenperson aus Teil 1. Annastina. Sie taucht am Ende von Teil 2 des Buches bei Michael auf und der gesamte Teil 3 des Buches, was wieder fast 30% sind, dreht sich darum, was SIE jetzt eigentlich in der Zeit zwischendurch gemacht hat.
Bevor in Teil 4 dann an der Auflösung gearbeitet wird. 

Jemand verglich das Buch mit einem Gemälde, auf dem man viele winzige Figuren vor der Kulisse von Stockholm sieht, die so ihrem Leben nachgehen. Und ja, das ist eine gute Zusammenfassung für dieses Buch. Einfach ein großer Batzen von Dingen, die fiktiven Leuten passiert sind und die eben auf fast 600 Seiten in die Länge gezogen werden. 

Dreck, Blut, Sklaverei

Ich bin ehrlich, mir gefallen die düsteren, schmutzigen Histos einfach mehr, als die "netten" Familiensagas, die ab und zu eine dekorative schmutzige Seitengasse einstreuen. Die Bücher von Niklas Natt og Dags sind aber Material das ich keinem empfehlen würde, der Themen wie Gewalt, Blut und Körperflüssigkeiten lieber in vagen, kleinen Dosen möchte und gern auf die Details verzichtet. 

Das Buch geht en Detail auf Themen wie Geburt, Mord, Folter und medizinische Eingriffe ein. Ein weiteres sehr promenintes Thema gerade zu Beginn ist Sklaverei. Vorallem der Sklavenhandel zwischen Europa und den Kolonien in der Karibik. Das Buch geht auch hier sehr ins Detail und ich mag es nicht. Wir sehen die Karibik durch die Augen des naiven sechzehnjährigen Erik Dreirosen. Diese ganze Episode war angefüllt mit seiner Entdeckung und seiner Abneignung gegen den Sklavenhandel, die er aber erst entwickeln konnte, nachdem der Autor eine Tonne Torture-Porn über seinen Text kippt. Es ist keine "Auseinandersetzung mit dem Thema" es ist der übliche Kniff vieler Autoren, EINEN guten weißen Charakter zu haben, der sich über alle anderen schlechten weißen Charakter empören kann und ihre Handlungen verurtreilt ohne selbst wirklich aktiv etwas dagegen zu tun. 
Denn hilft Erik Dreirosen irgendwelchen Menschen? Wird er Abolitionist und kämpft für die Abschaffung der Sklaverei? Nein! Am Ende seines kleinen Ausflugs in die Karibik kann er gar nicht schnell genut auf das nächste Schiff hüpfen und zurück nach Hause zu seinem Herzblatt fahren, und keinen weiteren Gedanken daran verschwenden. 
Ich würde den Autor gern fragen, warum genau ich jetzt 150 Seien in der Karibik war.

Frauenfiguren kommen bei Niklas Natt och Dag auch nicht wirklich gut weg und befinden sich auch in den typischen Klischeerollen. Viele sterben im Kindbett, verlieren ihre Kinder, werden vergewaltigt und allgemein wie Dreck behandelt oder gleich brutal ermordet. 
 
Fazit: 
 
Viele dieser Punkte treffen auch auf 1793 zu. Die Sache ist nur die, dass sich der Autor nicht wirklich weiterbewegt hat und ich frage mich wirklich, ob 1793 wirklich als Start einer Reihe geplant war, oder als Einzelband, der verdammt gut ankam und er nachlegen musste. 
Ich würde auf das Zweite tippen, denn die Zeit die wir mit unseren Ermittlern verbringen ist viel zu wenig. Dafür haben wir exesziv ausgedehnte Sideplots und das hat für mich einfach nicht funktioniert. Für mich lasen sich Teil 1 und 3 wie Füller. Und dieses Konzept hat für mich nicht funktioniert. 

Wem würde ich das Buch empfehlen. Leuten die gern ganz tief in der Geschichte drin sind. Die vor detailierten Beschreibungen aller in der Triggerwarnung aufgeführten Themen nicht zurückscheuen und ein wirklich gut recherchiertes Buch wollen. 
Wenn ihr eher so seid wie ich und auf einen rasanten Krimi gehofft habt, dann ist es eher eine harte Kost. 

Bibliographische Angaben: 

1794 * Niklas Natt och Dag * Piper * 560 S. * 978-3-492-06194-0

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