[Histotalk] Generationenwechsel - Was ist ein historischer Roman?



Was macht einen historischen Roman eigentlich zu einem historischen Roman?
Gern werden Phrasen wie "man kann in die Zeit eintauchen" oder "das Mittelalter wird lebendig" verwendet, um Bücher an die Leser:innen zu bringen. Und jede:r hat seine ganz eigenen Vorlieben. Sei es jetzt der Tudorhof unter Heinrich VIII, der Charme des viktorianischen Londons oder die ausgelassenen Partys der 20er Jahre. Das Genre hat eigentlich für jeden etwas zu bieten, von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zu ... ja wohin eigentlich?
Seit einiger Zeit fällt mir ein Trend auf, der mich über die Frage nachgrübeln lässt, was ist eingentlich ein historischer Roman und gibt es eine Grenze, ab der ein Roman zwar in der jüngeren Vergangenheit spielt, aber nicht mehr "historisch" im eigentlichen Sinne ist. 
Wo ist die Grenze und wie und vorallem von wem wird sie eigentlich definiert. 

Noch vor ein paar Monaten hätte ich gesagt, dass der 2. Weltkrieg die Grenze für historische Romane ist, doch mit den neuen Vorschauen verschiebt sich diese Grenze immer weiter in die 50 Jahre und darüber hinaus. Natürlich könnten wir jetzt eine nicht enden wollende Grundsatzdiskussion darüber führen was genau "historisch" bedeutet. Ist der Mauerfall ein historisches Ereignis? Ja! Würde ich sagen ein Roman über den Mauerfall ist ein historischer Roman? Nein. 
Für mich persönlich muss immer ein gewisser Abstand zu den Ereignissen gegeben sein, bevor ich einen Roman wirklich in das Genre einordnen würde. 

Im Zuge des Aufstiegs der Familiensagas als Cashcow der Verlage in Sachen historische Romane, wird dieser Abstand aber immer geringer. Die meisten dieser Reihen starten kurz vor dem ersten Weltkrieg und mit Folgenbänden über Kinder und Enkel kann man die Geschnisse des letzten Jahrhunderts bis weit über den 2. Weltkrieg ausdehnen. Verlage und Autor:innen entdecken langsam das "Danach" und Titel wie "Cafe Engel" oder "Traum vom Glück" tauchen auf. 

Cover, Klappentext und Marketing zielen ganz klar auf die Leser:innen des Genres ab. Aber sind Bücher über das Wirtschaftswunder wirklich noch historische Romane? Mir fällt es schwer diese Werke in diesem Kontext zu lesen und das obwohl seit 1950 über ein halbes Jahrhundert vergangen ist. Es fühlt sich noch so nah und greifbar an. Meine Mutter wurde 1956 geboren und vielleicht ist es die Tatsache, dass ich mir meine Großmutter nicht als Heldin eines historischen Romans vorstellen kann.

Ist das ein Generationenwechsel? Oder ist es der Versuch neue Märkte für ein eingespieltes Publikum zu erschließen? Die wenigen Listenplätze für historische Romane, die früher hauptsächlich an Mittelalterstoffe gingen, werden jetzt von Sagas belegt. Natürlich kann und darf man argumentieren, dass der deutsche Buchmarkt in den letzten Jahren und Jahrzehnten mit Mittelalterromanen regelrecht geflutet wurde und die Leser:innen einfach hungrig nach neuen Geschichten, Inhalten und Möglichkeiten sind. Das ist legitim, aber mir drängt sich die Frage auf, warum man sich dabei so prominent auf das 20. Jahrhundert fokusiert. 
Wo sind die Romane über die Antike, die Renaissance oder den Barock? Und ich rede nicht von vereinzelten, meist eingekauften Titeln, die hier und da auftauchen oder neue Bände von Reihen etablierter Bestsellerautoren. 

Ist die Recherche für solche Stoffe zu aufwändig? Besteht in der deutschen Leserschaft kein wirkliches Interesse an historischen Themen? Der Markt in diesem Segment wird dominiert von Geschichten die den Fokus eher auf persönliche und amouröse Dramen, als auf einen wirklichen roten Faden legen. Also was? Muss ich davon ausgehen, dass die historische Epoche irrelevant ist, Hauptsache es spielt "Anno Dazumal"? Oder setzen die Verlage auf die Nostalgiekarte, die für viele Leser:innen ein weiteres Kaufargument darstellt, weil sie sich in ihre Kindheit und "die gute alte Zeit" zurückerinnern können. 

All diese Punkte sind per se betrachtet legitim. Die Frage, die ich mir stelle ist "sollten diese Bücher wirklich die wenigen Listenplätze für historische Romane belegen und als solche angepriesen werden?"

Für mich ist die neue Herangehensweise der Verlage ein Problem. Ich will auf meinem blog gern aktuelle Bücher vorstellen. Vorzugsweise auf deutsch und am besten noch von deutschsprachigen Autor:innen. Schon jetzt dominiert das 19.-20. Jahrhundert deutlich. Und mit dem Einzug des Wirtschafswunders in den historischen Sektor, schrumpft der Anteil der aktuellen historischen Romane die vor ca. 1888 spielen noch weiter zusammen. Ich warte immer noch sehnsüchtig darauf, dass die Verlage aus ihrem Schneckenhaus kommen und auf innovative Stoffe deutscher Autor:innen setzen. Stattdessen verschieben sie die Grenze von dem, was sie als "historisch" anpreisen einfach ein paar Jahrzehnte nach hinten und geben mir genau die selbe Story von "Starke Frau geht ihren Weg" jetzt eben zur Zeiten des Wirtschaftswunders. 

Und das funktioniert einfach nicht für mich.

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