[Rezension] der verlorene Sohn

 


Inhalt: 

Akhulgo, Nordkaukasus, 1839: Jamalludin wächst als Sohn eines mächtigen Imams auf. Seit Jahrzehnten tobt der Kaukasische Krieg, und sein Vater wird von der russischen Armee immer mehr bedrängt. Schließlich muss er seinen Sohn als Geisel geben, um die Verhandlungen mit dem Feind aufzunehmen, und Jamalludin wird an den Hof des Zaren nach St. Petersburg gebracht. Bald schon ist der Junge hin - und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach seiner Familie und den verlockenden Möglich keiten, die sich ihm in der prächtigen Welt des Zaren bieten. Olga Grjasnowa erzählt sprachmächtig von einem Kind, das zwischen zwei Kulturen und zwei Religionen steht und seine Identität finden muss. Und von der verheerenden Wirkung eines Krieges, in dem es keine Sieger geben kann.
 

Trigger

 
 
 

Meine Gedanken:

 
Olga Grjasnowas Roman, der auch für den deutschen Buchpreis 2020 nominiert ist, ist eins meiner Highlights dieses Jahres. Es ist, im Vergleich zu meiner anderen Lektüre dieses Jahr, kein Unterhaltungsroman, der langsam dahinplätschert.  Es ist ein Buch, über das man noch nachdenkt, wenn man es zugeschlagen hat und es hat mich mit einer gewissen Traurigkeit zurückgelassen. 
 
Gefangen zwischen zwei Welten
 
Jamalludin ist neun, als er als Geisel den Russen übergeben wird, gegen die sein Vater seit Jahren krieg führt. Für drei Tage heißt es, doch aus diesen drei Tagen werden am Ende 15 Jahre. Jamalludin wächst in St. Petersburg auf. Besucht die besten Schulen und der Zar protegiert ihn mit Geschenken, Geld und Positionen. Jamalludin lebt das Leben eines russischen Fürsten, das komplet vom Leben der restlichen Bevölkerung abgekoppelt ist. Sein Alltag besteht aus Empfängen, Ballett, Oper und gelegentlichem Exerzieren mit seinem Regiment. 
 
Im ersten Moment könnte man meinen, Jamalludin würde dazu gehören, aber das stimmt natürlich nicht. Jamalludin ist eine Geisel in einem goldenen Käfig. Er kann nicht gehen, wohin er möchte. Er kann nicht im Krieg kämpfen, weil der Zar fürchtet, er würde bei der ersten Gelegenheit überlaufen. Und er kann nicht heiraten, aufgrund seiner Religion. Wenn es wirklich darauf ankommt, wird Jamalludin daran erinnert, dass er eben nicht dazu gehört. Er kann sprechen wie sie, fünf Fremdsprachen und tanzen lernen, aber er ist trotzdem kein Russe. 
 
Dann, nach 15 Jahren, wird Jamalludin zurückgeschickt. Zurück zu einem Vater, den er nicht kennt. Zurück in eine Kultur, die er nicht mehr versteht. Zu groß ist die Kluft zwischen den petersburgern Palästen und dem Leben in der kaukasichen Steppe. Zwischen den angeregten Diskussionen über Kunst und der starren religiösen Doktrin. 
Am schlimmsten ist aber, dass auch Jamalludins Familie und die Menschen im Kaukasus ihn nicht akzeptieren. Für sie ist er ein Russe, der Feind.  
 
Meine persönlichen Gefühle 
 
Für mich ist "der verlorene Sohn" eins der besten Bücher des Jahres. Es ist sehr gut geschrieben und präsentiert dem Leser das, was es aussagen will, nicht einfach auf einem Silbertablett. Ich habe das Buch vor Tagen beendet und denke immer noch darüber nach. Es beschäftigt mich, ich rede mit meinem Mann darüber. Er ist Russlanddeutscher und kann dieses "zwischen zwei Ländern/Kulturen" stehen viel besser nachvollziehen, als ich es je könnte. Und das macht für mich ein gutes Buch aus, dass es dich begleitet, auch wenn die eigentliche Geschichte erzählt ist. 
 
Ich denke vor allem, an die vielen Chancen die Jamalludin nicht nutzen konnte, einfach nur weil er ist, wer er ist. All die Pläne mit Lisa, die er nicht verwirklichen konnte. An all das ungelebte Leben, dass nicht passiert ist, nur weil sein Vater und der Zar Hardliner waren, die sich nicht auf einen friedlichen Mittelweg einigen konnten. 
Im Grunde ist Jamalludin nur ein Stand-in für alle Menschen, die zwischen zwei Kulturen hin und her gestoßen werden. Seine Geschichte, ist die Geschichte von unzähligen Menschen und genau das macht das Buch so stark. Dass es zwar eine Geschichte aus dem Jahr 1839 ist, aber die Message, die sie vermittelt heute aktueller ist den je. Und in einer Verlagswelt in der historische Geschichten sonst nur Pseudofeminismus und "die gute alte Zeit" propagieren, legt Olga Grjasnowa endlich einen Roman vor, über den man wirklich nachdenken und diskutieren kann. Eben weil er zeigt, dass wir heute im Jahr 2020 immer noch gegen den selben Mist ankämpfen, wie Jamalludin 1839. Dass wir vielleicht moderne geworden sind, aber die Probleme von "damals" auch die Probleme von uns im Hier und Jetzt sind. 

Fazit
 
Der verlorene Sohn ist kein einfaches Buch. Es ist keine leichte Lektüre, aber es ist ein gutes und wichtiges Buch. Mich beschäftigt es heute immer noch und das ist ein gutes Zeichen. Auch wenn ich traurig bin, mein Mann nennt es "ein bisschen die russische Seele spüren", also geh ich mal davon aus, dass das etwas Gutes ist. 
 
Ich mach es kurz: klare Leseempfehlung
 
Bibliographische Angaben
 
Der verlorene Sohn * Olga Grjasnowa * Aufbauverlag * 361 S. * 978-3351037833 
 
 
 
 


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