[Rezension] Die Schrecken des Pan

 


Inhalt: 

Großbritannien 1923: In der Nähe des luxuriösen Holloway-Sanatoriums, einer Nervenklinik für Angehörige der High Society vor den Toren Londons, machen Spaziergänger einen grausigen Fund: männliche Leichen, allesamt kastriert und enthauptet. Die Ermittlungen von Scotland Yard führen zu keinem Ergebnis. Die junge Krankenschwester Maureen Morgan folgt einem Hinweis des Okkultisten Aleister Crowley und beginnt mit eigenen Nachforschungen - und trifft ins Schwarze. Als Maureen dem Täter auf die Spur kommt, gerät sie selbst in höchste Gefahr.
 
Trigger
 
 

Meine Meinung:  

Wenn ich ehrlich bin, braucht es nicht viel, um mich für einen historischen Kriminalroman zu begeistern. Ein schickes Cover mit einem Typen im Kutschermantel, ein bisschen Jack the Ripper Feeling und wenn auch noch eine Prise Okkultismus dazu kommt, dann bin ich sofort an Bord. 
Man könnte also meinen, dass Ursula Neeb mein neues Lieblingsbuch geschrieben hätte, aber nein. Nein. "Die Schrecken des Pan" sind mitunter eins der schlechtesten Bücher, die ich seit langem gelesen habe. Das liegt zum einen an Schreibstil und Aufbau der Geschichte, aber vor allem die Darstellung von queeren Personen in diesem Buch, hat mich einfach nur entsetzt. 
 
Der Schreibstil
 
Ursula Neeb hat schon mehrere historische Romane u.a. bei großen Publikumsverlagen veröffentlicht. Deshalb war ich zugegeben etwas entsetzt, über den Schreibstil. Ich weiß nicht, ob Fr. Neeb sich bei diesem Buch keine wirkliche Mühe gegeben hat, oder ob das ihre Art ist Geschichten zu erzählen. Ihr Stil hat verhindert, dass ich mich mit den Protagonisten identifizieren konnte. 
 
Personen werden nicht langsam eingeführt, sodass wir sie nach und nach kennenlernen. Ihre Fehler, Stärken und Schwächen erkennen und mit ihnen mitleiden und mitfiebern können. Nein. Sie werden meist mittels Infodump-Steckbrief eingeführt, der sich liest, als hätte die Autorin einfach ihre Charakternotizen ins Manuskript kopiert. 
 
Die pfiffige Maureen, die aus einfachen Verhältnissen stammte, hatte ihre Schäfchen gut im Griff und war bei Patienten und Pflegepersonal gleichermaßen beliebt. [...] Obgleich sie noch jung war, verfügte sie schon über eine erstaunliche Reife und Charakterstärke - für die sie einen hohen Preis bezahlt hatte. 
 
bei 9%
 
Weder sehen wir, wie Maureen pfiffig ist, noch beweist sie über die Geschichte hinweg Reife. Zeigen, nicht beschreiben ist ein elementarer Grundsatz beim Schreiben, der hier immer wieder ignoriert wird. Die Autorin sagt uns, wie Person X ist und wir müssen damit leben. 

Der Text ist auch voller Wortwiederholungen. Worte wie "Obleich" oder "Obschon" werden immer wieder benutzt, um Übergänge zu schaffen. Und andauernd werden Personen "etwas gewahr" manchmal sogar zweimal auf derselben Seite. Ich bin kein großer Fan von diesem gewollt altertümlichen Sprech, der den Text nur unnötig mit seinen sperrigen Worten und Formulierungen ausbremst. 

Die Dialoge schwanken auf einer Skala zwischen überdramatisch und hölzern, bis zu dem Punkt, dass ich sagen würde, dass kein Mensch jemals so in wörtlicher Rede gesprochen hat. Auch nicht 1923, auch nicht, wenn er vermögend oder gar adlig war. 

"Hat dieser verfluchte Magier vielleicht wieder seine Finger im Spiel oder ist Jack the Ripper von den Toten auferstanden? Solche Fragen sind mir durch den Kopf gegangen, als ich vom Fund der Leichenteile gehört habe - und das in unserem kristallklaren See, der bei Einheimischen und Urlaubern als Bade und Anglerparadies so beliebt ist"

ca. 38%
 
 Die Figuren blieben immer blass und hölzern. Ursula Neebs Schreibstil schaffte immer eine Distanz zwischen mir, als Leserin und der Geschichte. 

Der Aufbau

Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass die Autorin selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich schreiben möchte. Einen okkulten historischen Thriller oder einen netten cosy historischen Roman. Sie hat dann einfach beides auf einmal geschrieben und herausgekommen ist ein seltsamer Mix, der am Ende niemanden richtig glücklich machen kann. 

Wir starten mit Betty und Raoul. Raoul ist glühender Anhänger von Alesteir Crowley und ihm nach Sizilien gefolgt. Danach geht es fast 10% um diesen Aufenthalt und Ursula Neeb beschreibt, sehr detailreich das Leben bei Crowley. Dazu später mehr, aber es ist sehr auf Sex, Fäkalien und Blut konzentriert und nur in dem Buch, um den Leser zu schockieren. 

Danach lernen wir Maureen kennen und der Plot ändert seine Richtung und wird zu einem Standard 0815 Unterhaltungsroman. Und die Handlung dümpelt dahin, bis die Leichen gefunden werden, aber selbst dann, sind die Ermittlungen per se, nicht das Hauptaugenmerk der Geschichte. Es gibt keinen Spannungsbogen. Schnell ist klar, wer der Mörder ist und das Buch unternimmt auch keine großen Anstrengungen uns auf falsche Fährten zu lotsen. Und so plätschern die Seiten dahin, bis zum Finale dass nach klassischer Protagonistin ist hirnverbrannt unvorsichtig und Antagonist hält "warum ich es getan habe" Monolog zusammenfassen kann. 

Selbst wenn ich also den Fakt außer acht lasse, dass mir der Schreibstil nicht zugesagt hat, bliebe noch die Geschichte, die nicht wirklich existent ist und weder etwas Neues, noch etwas Aufregendes zu bieten hat. Womit das Buch aber ohne Ende aufwarten kann, sind problematische Inhalte

Problematische Inhalte

Das was mich an "die Schrecken des Pan" so entsetzt hat, ist erneut die Darstellung von LGBTQ+ Figuren.
 
 
"Betti fiel auf, dass die Arme der Frau in Scharlach von blutigen Schnitten übersät waren und sie fragte sich beklommen, ob Crowley ihr diese zugefügt hatte. Ihre Blicke schweiften über die Wände, die von Gemälden von Phalli und Vulven in sämtlichen Dimensionen und Variationen geziert wurden. Auf einem der stümperhaft gemalten Bilder konnte sie einen Mann mit Crowleys Gesichtszügen ausmachen, der mit dem Ziegengott Pan kopulierte, was ihre Vermutung bestätigte, dass der Magier bisexuell war."  
 
4%
 

Das ist im ersten Kapitel und das setzt den Ton für das Buch. Alles was nicht weiß, bieder, monogam und natürlich cis hetero ist, wird verteufelt. Wird gleichgesetzt mit Okkultismus oder gleich satanischen Riten. Alles was nicht dem engen konservativen Mann, Frau, Hochzeit und Kinder Weltbild entspricht, wird als "pervers" "sexuell degeneriert" und der Gleichen bezeichnet. Und es gibt keine Ausnahme. 
 
Jede Figur, die nicht heterosexuell ist, ist entweder ein Mörder, ein okkulter Sektenführer, drogenabhängig oder zumindest traurig und allein. Die Autorin benutzt Alesteir Crowley (für den ich hier wirklich keine Lanze brechen möchte) um Leute mit seinen extremen Ansichten zu Sex zu schockieren. Aber sie vergisst dabei, dass Alesteir Crowley kein Beispiel für die Lebensrealität von Bisexuellen ist. Oder von nicht monogam lebenden Menschen. Oder von Menschen die BDSM mögen. Das was Crowley tut ist ein extremes Extrem, aber das ist dem Plot egal. 
 
Denn Alesteir Crowleys früherer Adept "Bruder Pan" ist homosexuell und bringt jetzt Menschen um. Und so ist jedes Verbrechen, mit Crowley und "seiner Art zu leben" verbunden. 
 
Crowley verschwindet nach ca. 25% aus dem Buch und seine einzige Rolle war es, Maureen und die Leser_innen mit seiner Meinung zu Sexualpraktiken zu schockieren.  Aber die problematischen Inhalte enden hier nicht. 
Wir bekommen Inspektor McFaden, der die Morde an den Männern aufklären soll, die in dem See gefunden wurden. Und diese Ermittlungen führen ihn ins "Schwulenmilieu" von London. 

Bei ca. 42% gibt es eine nicht enden wollende Szene, in der ein Officer diese Szene beschreibt, und er verwendet dabei jeden Slur und jedes Klischee, dass ihr euch vorstellen könnt. Es hört einfach nicht auf. Natürlich werden auch homosexuelle Männer entweder als "trauige alte XXX" beschrieben, oder sie haben extreme Kinks wie eben BDSM oder Natursekt. Und ganz oft wird auch die Grenze zwischen Homosexualität und Pädophilie verwischt. Das Buch hat auch transphobe Inhalte. Trans Frauen werden misgendert und mit Slurs beleidigt.

Und wenn wir schon hier sind, das Buch ist auch super rassistisch gegenüber Menschen asiatischer Herkunft. 
 
 Das Othering von nicht heterosexuellen Figuren ist praktisch das, was den Plot am Ende zusammenhält. Nicht eine queere Person ist positiv besetzt. Alle sind Täter oder tot. 
Und am Beispiel von Maureen kann man sehen, wie perfide der Plot seine Message vermittelt. Ihr erinnert euch an den Satz oben über Maureen, dass sie eine solche Reife hat und dafür einen hohen Preis gezahlt hat. 
Wisst ihr, was dieser Preis war?

Als sie "jung" aka 15(!) war, hat sie sich für Okkultismus interessiert. Ist zu Seancen gegangen und hat dort einen jungen Herrn kennengelernt. Ist mit ihm zu einer Veranstaltung seines Zirkels gegangen, wurde dort unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. 
Seht ihr was das Buch hier macht? Es ist eine Warnung, verlasst nicht den konservativen Weg, denn da wird es düster. Da das Buch aber Okkultismus und queere Themen so eng verwebt, dass es praktisch Synonyme sind, ist diese Message echt übel. "Anders sein zieht Strafe nach sich"
Aber Maureen hat ihre Lektion gelernt und ich bieder und züchtig und heterosexuell. Sie heiratet am Ende den Arzt und ist total happy. 

Ich hab es schon oft gesagt und ich sag es immer wieder: 

Othering schadet echten Menschen!
Eine historische Jahreszahl auf dem Cover ist keine Entschuldigung für LGBTQ+ feindliche Inhalte!
 
Fazit: 
 
Erneut kein Buch, das ich irgendwem empfehlen könnte. 
Dafür stützt es sich zu sehr auf problematische Inhalte, um die Story zu erzählen. 
 
 
* Danke Netgalley für das Rezensionsexemplar * 
 
Bibliographische Angaben: 
 
Die Schrecken des Pan * Ursula Neeb * Dryas Verlag * 280 S. * 








 



 
 


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