[Rezension] Das Kaffeehaus - Bewegte Jahre

 


Inhalt

Wien in den 1880er-Jahren: Die junge Sophie von Werdenfels flüchtet aus der tristen Atmosphäre ihres Elternhauses so oft wie möglich in die Pracht des Kaffeehauses ihres bürgerlichen Onkels. Dort lernt sie Richard von Löwenstein kennen, einen persönlichen Freund des Kronprinzen Rudolf. Während sich die beiden verlieben, schwärmt Sophies beste Freundin Mary für den verheirateten Kronprinzen. Ungeachtet aller Warnungen Sophies, lässt sich Mary sogar auf eine Affäre mit Rudolf ein. Und niemand ahnt, dass dadurch das Kaiserreich in seinen Grundfesten erschüttert wird …

 

Trigger


Meine Gedanken zum Buch:

Ich erzähle ja schon seit Jahren jedem, der es hören will, dass ich gern mehr Bücher über die Belle Epoque in Wien will. Sisi und die Habsburger und das endlich mal jemand Bücher über diese Familie schreiben soll, die nichts mit diesen 50er Jahren Heimat-Kitschfilmen zu tun haben. Okay, ich lieb auch die heiß und innig und jedes Jahr zu Weihnachten mach ich Sissi-Saufen, aber ich wollte mehr Habsburgercontent und Marie Lacrosse hat ihn mir gegeben.

DANKESCHÖN!
 
Disclaimer: 
Wenn euch "Mayerling" nichts sagt, dann überspringt bitte diesen Part der Besprechung, ich will den Inhalt des Buches nicht vornweg nehmen. 

  Belle Epoque in Wien

Im Grunde genommen hat Marie Lacrosse mir genau das gegeben, was ich wollte. Belle Epoque in Wien mit all dem Drama, den gebrochenen Herzen und Intrigen, die zu einem ordentlichen historischen Roman gehören, in dem eine junge Frau die Hauptrolle hat. Ich war von Seite eins im Leben der Figuren drin und ich konnte nicht aufhören zu lesen, weil dieses Buch einfach genau das war, was ich seit Jahren lesen wollte. 

Wir treffen Sophie von Werdenfells, eine junge Komtess, die in ihrer Freizeit oft im Café ihres Onkels aushilft und ich gebe hiermit ganz ehrlich zu, dass Sophie für mich die uninteressanteste Figur des ganzen Buches ist.Sie ist der Archetyp der "starken Frau". Sie ist wunderschön und weiß es nicht, packt tüchtig mit an, erfindet nebenbei neue Desserts und es kann ihr auch sonst keiner lange böse sein. Was mich an dem Set Up immer verwundert hat ist, dass Sophie, obwohl sie eine minderjährige, unverheiratete Komtess ist, immerzu im Café ihres Onkels aushelfen darf. 
Das Buch wird nicht müde uns immer wieder daran zu erinnern, dass eine ledige Komtess noch nicht mal allein ein Brot kaufen darf, weil sonst ihr Ruf dahin ist, aber für Sophie gillt das nicht. Ganz wie ist okay damit, dass die Komtess von Werdenfells wochenlang vormittags Kuchen schneidet und abends in die Oper geht. Auch Sophies Mutter, die sich scheinbar keine Gedanken darum macht, wie sich das auf die Heiratschancen ihrer ältesten Tochter auswirken könnte und was ich auch nicht verstehe, ist, dass keiner der überaus klatschsüchtigen Wiener das Sophies Stiefvater steckt. 
Ich soll mit Sophie mitleiden, aber da sie jedes Mal wieder auf ihre Füße fällt, fiel es mir ziemlich schwer sie zu mögen. Ich war fast schon kurz davor sie aufzugeben, als sie am Ende die Sache mit Richard richtig geregelt hat, da war ich ganz bei ihr. 

Kommen wir zu Richard. Er ist eine interessantere Figur, als Sophie, weil er eine ganze Menge Fehler und charakterlichen Schwächen hat, die ihn immer wieder in Bedrängnis bringen. Ich mag ihn aber auch nicht wirklich. Er ist vielleicht ein Mann seiner Zeit, aber er ist ein Arsch. Trotzdem interessiert es mich brennend, was jetzt im nächsten Band mit ihm passiert, was bei Sophie eher nicht der Fall ist. 

Das was das Buch für mich so interessant gemacht hat, war die Verstrickung der Beiden in die Affäre Mayerling. Marie Lacrosse ist es gut gelungen diese zwei fiktiven Figuren in der Nähe von Mary Vetsera und Kronprinz Rudolph zu positionieren. So kann man das ganze Drama von Anfang bis Ende verfolgen und vorallem der Einblick in die Gedankenwelt von Mary, Rudolph und der Gräfin Larisch, hat für mich eigentlich das Buch ausgemacht.
Mayerling ist die Klimax des Buches, der Punkt, auf den alles hinausläuft, ohne diese "Affäre" würde der Plot des Buches wieder nur aus der Beschreibung des Alltags der Figuren bestehen, und das ist ja einer meiner häufigen Kritikpunkte. Und so gern ich Bd. 2 & 3 auch lesen will, weiß ich nicht, mit was die Autorin in den Folgebänden weitermachen will, weil Mayerling die Latte ja schon recht hoch gelegt hat. 

Was mir an dem Buch gut gefallen hat, war, neben der bis ins Detail reichenden Recherche, die Tatsache, dass Marie Lacrosse zeigt, dass auch ein Mann an den gesellschaftlichen Regeln und Konventionen scheitern kann. Viele historische Romane erwecken den Eindruck, dass wäre die Protagonistin nur ein Mann, gäbe es keine Probleme mehr für sie und als würde der gesamte Druck der Gesellschaft nur auf Frauen lasten. Hier sieht man, dass auch Richard, durch seine Entscheidungen, so gut wie ruiniert ist und Dinge tun muss, die er nicht tun will. 
Die strengen und starren Konventionen am Wiener Hof machen einfach alle Menschen nur unglücklich. 

Mayerling

Noch einmal der Disclaimer, wer nicht weiß, was in Mayerling passiert ist, bitte weiter zu Fazit: 


Was Mayerling anbelangt hatte ich zu Anfang des Buches etwas Bedenken, wie die Autorin da rangehen würde. Fakt ist, zwei Menschen waren am Ende tot. Mary Vetsera und Kronprinz Rudolph und ich hatte etwas Angst, dass die Autorin es als großen romantischen erzweiterten Selbstmord inszinieren würde. Das ist zum Glück nicht passiert. 

Niemand sollte vergessen, dass Mary Vetsera ein siebzehnjähriger Teenager war, der von einem fast doppelt so alten Mann, der gesellschaftlich astronomisch weit über ihr Stand für seinen erweiterten Suizid benutzt wurde und dass ihr Grab schon mehrmals geschändet wurde. 

Ich finde es gut, dass die Autorin sich dazu entschlossen hat, ganz klar und deutlich zu zeigen, dass Mary das Opfer war. Marie Lacrosse lässt daran keinen Zweifel und obwohl die Mary im Buch wirklich kein sehr netter Mensch war, empfinde ich tiefes Mitleid für sie. Und das ist für mich einer der großen Punkte, die dieses Buch richtig und gut gemacht hat. 

Es hat gezeigt, dass alle Mary nur für ihren persönlichen Vorteil ausgenutzt haben. Und dass die starre gesellschaftliche Etikette Dinge erschwert und verlangsamt hat, die in der fiktiven Welt des Romans das Ruder vielleicht nochmal hätten herumreißen können. 

Fazit: 

Ich mochte das Buch. 
Es war genau das, was ich lesen wollte, und obwohl es ein paar Schwächen hatte und ich mit Sophie nicht wirklich viel anfangen konnte, hab ich es gern gelesen. 

Ihr sucht einen Schmöker für den Herbst oder kalte Wintertage um die Zeit zum Sissi-Marathon zu überbrücken? Dann lest das Kaffeehaus. 

Bibliographische Angaben

Das Kaffeehaus - bewegte Jahre * Marie Lacrosse * Goldmann Verlag * 736 S. * 9783442205974

1 Kommentar

Moni2506 hat gesagt…

Hey Nadine,

Deine Rezension zum Buch ist so gut. Meine wird spoilerfreier, aber ich kann dir in vielem was du schreibst zustimmen.
Ich teile nur deine Begeisterung für den Hochadel und die Belle Epoque nicht so und ja, Sophie fand ich ähnlich wie du eher nichtssagend, aber ich freue mich in Teil 2 und 3 darauf, dass sie mit dem Kaffeehaus denke ich eine größere Rolle bekommt, wenn ich mir den Klappentext anschaue. Das Bürgertum und einfache Menschen liegen mir einfach mehr als die Intrigen und der Klatsch und Tratsch des Hochadels.
Mary und Rudolf fand ich beide unsympathisch. Finde die Darstellung der ganzen Affäre aber sehr gelungen. Ich mag dieses widersprüchliche. Auf der einen Seite möchte man Rudolf verdammen, aber dann sieht man auch, wie er von seiner Familie behandelt wurde, was es nicht besser macht, aber es irgendwie erklärt und auch Mary in ihrem Wahn kann einem irgendwie nur leid tun, so hochnäsig und nur an sich denkend sie sonst auch war im Buch.

Ich verlinke dich natürlich bei mir, sobald meine Rezension erscheint. Dies wird wahrscheinlich Anfang November soweit sein. Morgen ist auf meinem Blog nochmal Science-Fiction dran.

LG, Moni