[Rezension] Diebe der Nacht

 


Inhalt

Die Truppe um den jungen Dieb Glin kommt für eine Saison in die Stadt Mosmerano, um dort ein großes Ding zu drehen. Doch auch der beste Plan kann nicht vor bösen Überraschungen schützen. Und so geraten die Diebe mitten in ein Komplott um fi nstere Magier und ein Gemälde, das es eigentlich gar nicht geben dürfte …

Sie nennen sich »Die Herbstgänger« und sind eine Truppe fahrender Schauspieler – zumindest so lange sie nicht tricksen, betrügen und stehlen. Denn dem gilt ihre eigentliche Leidenschaft. Die sagenhaft schöne Lagunenstadt Mosmerano hält viele Versuchungen bereit, und nicht lange, so bereiten sie einen spektakulären Kunstraub vor. Doch dann geraten sie ins Visier eines Magiers, der mächtiger und sehr viel niederträchtiger ist als sie selber. Er zwingt sie, ihre Talente für seine Zwecke zu nutzen und für ihn zu arbeiten. Und so tanzen die Herbstgänger bald auf mehreren Hochzeiten: Sie wollen Rache, sie wollen ihren Coup durchziehen, sie wollen eine politische Verschwörung um uralte Magie aufdecken – und am Ende auch noch mit heiler Haut davonkommen. Die Diebe rund um den charismatischen Glin Melisma müssen an die Grenzen ihres Könnens gehen. Und noch darüber hinaus 
 
Trigger: 
 
Meine Gedanken: 
 
Ich liebe Heistbücher und finde, dass es viel zu wenige davon gibt. Ich liebe auch Fantasy mit Dieben, und Fantasy in "Venedig". Alles, einfach alles, bis hin zu diesem Cover,  hat mich an "Diebe der Nacht sofort angesprochen". Gestern Abend hab ich das Buch beendet und ich bin ehrlich hab geweint, weil ich einfach so enttäuscht war. 

Zunächst will ich sagen, ich liebe den Schreibstil von Thilo Corzilius. Ich hatte beim Lesen wirklich das Gefühl, dass er eine komplette Welt erschaffen hat, die viel größer ist, als die Ausschnitte, die wir im Buch sehen. Ich liebe es, wie viel Mühe er sich mit den Details seiner Welt gegeben hat und wir die Geschichte teils poetisch, teils locker fliest. 

Ich möchte hier jetzt die drei Punkte besprechen, die mich an diesem Buch enttäuscht haben. Das geht nur, wenn ich Teile des Inhalts bespreche, deshalb Spoilerwarnung.
 

Ich kenne das schon 

 Fantasy ist ein seltsames Genre. Wenige Bücher überzeugen mich wirklich, vieles ist Mittelfeld, vieles gefällt mir nicht. Trotzdem hab ich sehr viel davon gelesen und es ist schwer, diesem Genre noch etwas wirklich Neues hinzuzufügen. Plotstrukturen und Geschichten ähneln sich immer wieder. Das Problem bei "Diebe der Nacht" war, dass ich dieses ganze Setting und die Figuren einfach schon kannte, weil ich "die Lügen des Locke Lamorra" von Scott Lynch gelesen habe. 
 
Und nein, das liegt nicht nur daran, dass der Schauplatz dieses Buches eine Fantasyversion von Venedig ist. Es war der Moment, als die Sache mit den Sylvar (ich hab das Buch gehört, und weiß nicht, wie man die Begriffe schreibt. Man möge es mir verzeihen) 
Die Sylvar waren ein legendäres Volk, das vor tausenden von Jahren gelebt und seltsame Artefakte hinterlassen hat und das war für mich einfach die Steampunkversion von Elderglas aus Scott Lynchs Büchern. Und im Grund ist Glin auch die abgeschwächte Version von Locke, ein Waisenjunge, der einfach zu viel stiehlt und seinem Waisenhaus nur Scherereien brachte. Natürlich mit super Diebesfähigkeiten und Begabungen schon im jungen Alter und einer geheimnisvollen Abstammung. Es gibt auch einen Gott der Diebe, den alle andauernd anbeten und einen Ex-Priester. 

Alles in allem waren es die vielen kleinen Dinge, die mir zu ähnlich waren. Ich könnte jetzt auch noch weitergehen und sagen, dass Yrrein mich an Inej aus SoC erinnert hat und ich eine große Metallspinne schon in Wild Wild West gesehen hab, aber dann müsste ich jedes noch so kleine Detail in jedem Fantasyroman auseinanderbauen. Hier hat es für mich einfach die Summe gemacht.
Für mich ist es nie ein gutes Zeichen, wenn ich bei einem Fantasybuch immer anhalte und sage "warte mal, das kenn ich doch aus XY" 

Ich kann es nicht ernst nehmen

Ein weiteres großes Problem von "Diebe der Nacht" war, dass ich es über weite Stellen einfach nicht ernst nehmen konnte. Thilo Corzilius hat ein Ensemble an Dieben erschaffen, die Coups planen und Leute bestehlen, aber auf der anderen Seite, möchte er, dass sie "die Guten" sind und moralisch einwandfrei. Und das funktioniert für mich einfach nicht. 

Wenn die Herbstgänger irgendwo einbrechen, betäuben sie immer alle. Und natürlich haben sie ein Gift, dass niemanden jemals tötet und innerhalb von Sekunden wirkt. Das führt dann zu Szenen, in denen Leibwächter Türen öffnen und zack, liegen sie am Boden und das in drei Szenen nacheinander. Und ich kann so etwas beim besten Willen nicht ernst nehmen. "Der Herr der Träume" ist ein Deus Ex Machina Mittelchen, das Corzilius benutzt, damit seine Figuren keine unschönen Entscheidungen treffen müssen. Es wird inflationär immer dann eingesetzt, wenn es eigentlich zu einer Konfrontation, einem Kampf und eventuell Verlust an Leben kommen könnte. Aber das geht ja nicht, weil die Herbstgänger sollen ja unsere Helden sein.

Vorallem in den Dialogen zwischen Glin und dem Antagonisten fühlte ich mich manchmal veralbert. In einer Szene sagt der Antagonist "Ich werde euch die Finger eurer kleinen Freundin schicken" und Glin antwortet mit "wie denn? Du weist doch gar nicht wo wir wohnen" 
Ich denke mal, das sollte schlagfertig sein, aber es kommt bei mir an, als wären diese Leute zwölf und würden sich darüber streiten, wer auf dem Spielplatz jetzt das sagen hat. 

Wenn man Fantasy für Erwachsene - denn ich sehe Diebe der Nacht nicht als Jugendbuch - schreibt, dann erwarte ich einen gewissen Level an Realismus. Thilo Corzilius drückt sich aber oft. Ich kann kein Theater mitten in einer Millionenstadt einfach so abfackeln, ohne dass das Feuer vielleicht übergreift, vor allem im Sommer. Aber nein, dafür gibt es eine extra alchemische Essenz und schon brennt nur das ab, was auch abbrennen soll. Eine Massenzerstörungswaffe walzt durch Fantasyvenedig? Oh aber es ist so gut wie nix kaputt, weil sie immer nur in die Kanäle tritt? 

You cant have the cake & eat it

Vieles was realistisch betrachtet schlimme Konsequenzen hätte, wird durch den Autor konsequent heruntergeschraubt und abgemildert. Aber wenn ich über Diebe schreibe, dann sind die per se amoralisch, es macht keinen Unterschied, wen ich bestehle, es bleibt Stehlen. Die Herbstgänger tun immer so, als hätten sie das moralische hohe Ross, dabei haben sie Pferderennen manipuliert, in denen z.B. bestimmt auch kleine Leute wegen ihrer Tat ihr ganzes Geld verloren haben, sie haben einen armen Künstler psyschich fertig gemacht und das Business einer Frau mutwillig zerstört. Aber das Buch tut trotzdem so, als wäre das schon okay und gar nicht schlimm, weil sie das ja irgendwie verdient haben. 

Aber im Ernst, ich würde über alles ja irgendwie hinwegsehen, weil Fantasy ja immer schon mit diesen Hood & Dagger Plots spielt, aber es gibt eine Sache, über die ich nicht hinwegsehen kann.

Repräsentation

Wie jeder und seine Großmutter weiß, bin ich immer für gute Repräsentation von queeren Charakteren, gerade in historischen Romanen und/oder (historischer) Fantasy. Gerade deutsche Fantasy steckt zu Großteilen ja noch in den 1990ern und man findet wenig mit nicht heterosexuellen Figuren. 

Ich war positiv überrascht, als erwähnt wurde, dass Glins Ziehvater Talmo und Shalimo der Chemistiker der Herbstgänger schwul sind. Ich dachte: Wow Wahnsinn, eine der Hauptfiguren und ein wichtiger Nebencharakter, ich bin so gespannt, was Thilo daraus ... 

... er tötet sie. Im ersten Drittel des Buches. Der Antagonist taucht auf, tötet Talmo und greift die Herbstgänger an. Es gibt ein paar Explosionen und am Ende ist auch Shalimo tot....

...

Insgesamt sterben in "Diebe der Nacht" fünf wichtige Figuren. Vier davon sind schwule Männer und es sind die einzigen schwulen Männer in dem Buch. Ich kann nicht sagen, wie unfassbar enttäuscht ich von diesem Buch bin, burry your gays ist ein schädlicher, mieser Trope. Hört bitte endlich auf ihn zu benutzen.
 
Dieses Buch ist leider ein weiteres Beispiel dafür, wie Repräsentation nicht funktioniert. Denn es definiert queere Figuren nur über ihr Leid und Shalimo ist das beste Beispiel dafür, aber eins nach dem anderen. 
 
Das Buch hat 8 Interludien, Rückblenden darauf, wie Talmo die Herbstgänger gefunden hat. Man hätte diese Interludien komplett streichen können, und hätte nichts verloren, aber viel gewonnen. Denn in diesen Rückblenden gibt es jede Menge problematische Inhalte, die nur dazu dienen, dem toten Talmo in der Retrospektive  einen Heldenstatus zu verleihen. Was - und da bin ich erneut ganz ehrlich - auch nix bringt, weil er ja im Hier und Jetzt tot ist.

In diesen Interludien gibt es Themen wie Gruppenvergewaltigung, Homophobie und Menschenzoos und es gibt sie nur, damit Talmo "der Gute" sein kann und diese Missstände anprangern und (auch sofort und ohne großen Aufwand) beheben kann. 
Kommen wir zu Shalimo, sein Interludium fand ich am Schlimmsten, weil es noch einmal unterstreicht, dass queere Figuren wirklich nur einen Plot haben: Leid. Während Figuren wie Madeire erfolgreiche Schauspielerinnen und Yrrein Arenakämpferinnen sind, ist der queere Charakter in einem Menschenzoo eingesperrt und sein Kerkermeister nutzt seine kurze Screentime, um alle möglichen Slurs gegen Homosexuelle in den Text zu pfeffern. Brauch ich nicht. 
Dass Shalimo dann später bei den Herbstgängern seinen Ehemann trifft ist nice, ABER der ist bei Beginn des Buches halt auch schon wieder tot. 

Leute, ich verstehe, warum aus Storytellinggründen Talmo sterben musste. Sein Tod setzt den Mysterieplot um seine Vergangenheit in Gang. Ich verstehe auch, warum Shalimo sterben muss. Wenn der Chemistiker tot ist, geht den Herbstgängern der "Herr der Träume" aus und sie können nicht mit ihrer üblichen Taktik des Betäubens weitermachen und müssen "erwachsen werden" und "üble Entscheidungen treffen". 
Mir ist klar, dass diese zwei Figuren sterben müssen. 
Was mir nicht klar ist: WARUM sind ausgerechnet diese zwei Figuren gay. 
Warum nicht Falk? Warum nicht Madeire?
Warum kann da nicht ein schwules Paar ganz casual Teil der Herbstgänger sein, ohne dass sich ihr kompletter Plot um Leid und Tod dreht?

Fazit: 

Ich mochte den Schreibstil und den generellen Weltenbau. Aber gerade der Umgang mit den queeren Figuren hat mich schwer enttäuscht. Ich hatte mich so auf das Buch gefreut und wirklich große Hoffnung, dass sich die deutsche Fantasy endlich wegbewegt von den ewig gleichen Klischees.
 
In Endeffekt kommt es darauf an, was genau euch bei Büchern wichtig ist. 
Wollt ihr ein solides Fantasybuch lesen, dann könnt ihr mit Diebe der Nacht nix falsch machen. 
Wenn euch aber LGBTQ+ Tropes triggern, würde ich es nicht empfehlen.

Bibliographische Angaben

Diebe der Nacht * Thilo Corzilius. * Klett Kotta * 480 S.

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