[Abbruchbericht] Das Haus in der Löwengasse

 


Inhalt

Pauline Schmitz ist Waise. Die 23-jährige ist nach dem Tod ihres Oheims ganz auf sich gestellt, 1823 keine einfache Situation für eine unverheiratete, mittellose Frau im großen Köln. Schließlich kommt Pauline im Haushalt des Textilfabrikanten Julius Reuther als Gouvernante unter. Bald entdeckt sie an dem unzugänglichen Witwer überraschende Seiten und verliebt sich rettungslos. Julius ist jedoch mit der reichen Erbin Frieda von Oppenheim verlobt. Eine Verbindung, die sein Geschäft vor dem drohenden Ruin retten soll ...

 

 Triggerwarnung 

Meinung: 
 
 Ich bin ehrlich, alles, was ich kurz vor Weihnachten wollte, war ein bisschen seichte Unterhaltung. Ein rags to riches Roman. Ein armes Mädchen, dass sich in einen reichen Typen verliebt, ich wollte einfach ein bisschen den Kopf ausschalten und mich berieseln lassen. 
Das Haus in der Löwengasse klang genau danach, aber ich musste das Buch bei 80% abbrechen, weil der Inhalt mich so unfassbar aufgeregt hat.

Das Nervige 

Im Kern ist das Haus in der Löwengasse ein Jane Eyre Retelling, aber mit dem Fokus auf Drama. Pauline ist eine junge Waise, die durch Irrungen und Wirrungen im Haus von Julius Reuther landet. Einem Ekelpaket, dass sich mit "Frauenzimmern immer nur Ärger ins Haus geholt hat" und seitdem sein misogynes Leben in der Kölner Upper Class fristet. 

Pauline ist unsere klassische 0815 Histo-Heldin, die nicht nur wunderschön ist (und ja, der Text fixiert sich stark auf ihrer unfassbaren Schönheit), sondern auch noch über alle Maßen gebildet ist. Sie spricht vier Sprachen, kann zeichnen, sticken, weiß so gut wie alles über Handarbeit, Haushaltsführung, Geographie, Geschichte. Sie ist tüchtig und reinlich, gläubig, keuch und bescheiden. Das Buch hört nicht eine Sekund auf uns wissen zu lassen, dass Pauline einfach immer besser ist, als alle anderen Menschen auf diesem Planeten. Das wir meistens dadurch erreicht, dass alle anderen Figuren faul, dumm, inkompetent oder gewaltätigt sind. 

In ihrer neuen Anstellung krempelt Pauline erst mal auf beste Mary Poppins Art den gesamten Hausstand um. Denn stellt euch mal vor, Julius Reuther hat zwar Personal, aber das hat natürlich keine Ahnung. Es weiß weder wie man Kaffee kocht, noch wie man Geschirr ordentlich auf den Tisch stellt, wie man Blumen arrangiert oder den Kindern die Haare frisiert. Aber keine Sorge, Wirbelwind Pauline ist ja jetzt da! Ich hab wirklich jeden Moment damit gerechnet, dass sie anfängt zu singen. 

Natürlich sind so gut wie alle guten Menschen in dem Buch total begeistert von Pauline, während alle bösen Menschen, die nur Bosheit im Herzen haben, Pauline ablehnen. Die Figurenzeichnung ist schwarz weiß. Und so fällt es auch nicht schwer zu erraten, wer hinter dem ganzen Unbill steckt, der userem getriebenen Helden Julius Reuther wiederfährt. 

Und da ich jetzt wieder bei Julius Reuther gelandet bin, wird es Zeit den Spaß beiseite zu lassen und über das zu reden, was an diesem Buch wirklich im Argen liegt

Toxische Beziehungen 

Gleich zu Beginn erfahren wir, dass Pauline von ihrem alten Arbeitgeber sexuell missbraucht wurde. Dieses Trauma begleitet sie bis fast zum Ende des Buches und beeinflusst aktiv ihre Lebensentscheidungen. Aber während ihr Abuser von damals ganz klar, als das miese Stück Dreck benannt wird, dass er nun mal ist, wird auf der anderen Seite so getan als wäre Julius Reuther im Grunde ein echt toller Typ ist, den die richtige Frau wieder herrichten kann. 

Aber das stimmt so nicht. 
Das Buch läuft ja unter Frauenunterhaltung und historische Liebesromane und ich finde das extrem verheerend. Denn Julius Reuther ist genauso ein Abuser, wie Paulines erste Herrschafft, nur auf andere Art und Weise. 

Er trifft Pauline zum ersten Mal in dem Kolonialwarenladen in dem sie arbeitet und verliebt sich instant in sie. Als er sie dann nocheinmal singen hört, weiß er: "Das ist die Frau für mich". Also was tut ein reifer, verantwortungsvoller Mann? Richtig, er heuert einen Privatermittler an, der ALLES über Paulines Vergangenheit herausfindet, inklusive dem "Gerede" dass davon spricht, warum sie ihre letzte Stelle losgeworden ist. Dieses Wissen nutzt er, um sie unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen "ich will nur, dass sie sich um meine Kinder kümmern. Zwischen uns wird nix passieren, ich geb ihnen das gern auch schriftlich" und mit dem Angebot einer übertrieben hohen Gage "12Mark!" in sein Haus zu locken. Und das alles, obwohl er schon Gefühle für sie hat und sie langsam weichkochen will. Was er später in seinen Kapiteln offen zugibt. 

Als sie dann da ist, kauft er ihr allen möglichen teuren Kram, inklusive eines sündhaftteuren barocken Ballkleides (warum auch immer die Gouvernante seiner kleinen Kinder so etwas braucht). Aber er betreibt auch offen Gaslighting, er knurrt und zischt sie ständig an, packt sie grob am Arm. Speit 24/7 frauenfeindlichen Müll, wie wenig er "Frauenzimmer" gebrauchen kann und dass die ihm "nur Ärger einhandeln". Er schleicht sich des Nachts in ihr Zimmer und beobachtet sie beim Schlafen. Er küsst und berührt sie ohne ihre Zustimmung, während sie schläft und das obwohl er WEIß dass sie sexuellen Missbrauch hinter sich hat. Und das Buch tut derweil weiter so, als wäre das alles schon okay, weil der arme Mann ja so viel durchlitten hat und das zwischen Pauline und Julius ja nur lustige "Streitereien" sind. Sie ist ja so stark und emanzipiert, dass sie ihm Parolie bietet. 

Nein!
Nein! Leute, dass ist keine Liebesgeschichte. 
Das alles, Julius ganzes Verhalten sind massive Red-Flags für jede Beziehung. 
Bitte! Wenn ein Typ sich euch gegenüber so verhält, dann nehmt die Beine in die Hand und lauft und lasst euch nicht weiterhin von Medien erzählen, sowas wäre okay, nur weil er "damaged" ist und ihr ihn mit eurer Liebe reparieren könnt. 
 
Und spart euch bitte etwaige Kommentare von wegen "Aber 1823 ..."
Nein! Wir reden hier nicht von 1823 oder Leuten die 1823 gelebt haben. 
Wir reden von modernen Medien, die für ein modernes Publikum geschrieben werden. 
Deshalb zählt auch das "aber Jane Eyre" nicht. Jane Eyre ist ein Produkt seiner Zeit. 
 
 Aber wartet, da ist noch mehr. 

Die Dämonisierung psyschich kranker Menschen

Wie schon erwähnt hat die Autorin wohl Jane Eyre gelesen und versucht ihre eigene Version davon zu schreiben. Und da Mr. Rochester eine Frau mit einer psyschichen Erkrankung hatte, braucht Julius Reuther natürlich auch eine. 

Die lebt zwar nicht versteckt unterm Dach, sondern hat vor ein paar Jahren Suizid begangen. Ein riesen Skandal der Julius fast ruiniert hätte (sic) 

Die Geschichte ist fast identisch mit der aus Jane Eyre. 
Julius, damals noch nicht so etabliert in der Gesellschaft, hat Valentina geheiratet. Ihr Vater hat eine doppelt so hohe Mitgift ausgelobt, weil die Tochter ja "beschädigt" war. Das wusste Julius nicht, aber als er es nach der Hochzeit herausgefunden hat, konnte er sie Zitat "nicht mehr zurückggeben" (ja, als wäre sie ein Paar Schuhe mit Produktionsmängeln) weil er ja das Geld brauchte (sic)

Valentina litt an manischer Depression. Sie selbst hat in dem Buch natürlich keine Stimme, es wird immer nur (schlecht) über sie gesprochen. Niemand hat auch nur eine Sekunde Mitleid mit der armen Frau, die zeitlebens unter Drogen (Laudanum) gesetzt wurde, um sie ruhig zu stellen. Dann hat Julius ihr das Zeug einfach weggenommen, in ihrem kalten Entzug (!) hat sie ihn dann total blamiert, weil sie fast nackt auf die Straße gerannt ist. Als dann der Arzt ihr wieder eine zu große Menge Laudanum verabreicht hat, hat sie sich offensichtlich umgebracht. 
Ehrlich Leute, die einzige Figur in dem Buch, für die ich Mitgefühl hatte, war Valentina. 
Sie ist das eigentlich Opfer der Geschichte, weil sie als "Negativbeispiel einer Ehefrau" herhalten muss, neben dem Pauline natürlich scheinen kann, und das obwohl ihr einziges Verbrechen eine Erkrankung ist, für die sie nichts kann. 

Aber der absolute Tiefpunkt des Buches war die Szene in der Julius sagt: "Ich bin froh, dass sie tot ist" und Pauline ihm antwortet "Ich auch". 

DAS sind unsere tragischen Helden. DAS sind die Figuren, mit denen wir mitfiebern sollen. Ich finde, dass sind einfach ekelhafte Menschen. Die Autorin geht sogar soweit zu die Valentinas Kinder sagen zu lassen, dass sie froh sind, dass ihr Mutter tot ist und sie Paulina ja viel lieber haben.

Fazit

Ich musste das Buch bei 80% abbrechen, weil es mich mehr aufgeregt hat, als es sollte. 

Als Fazit kann ich nur sagen: 
Liebe Leser:innen, lasst euch nicht einreden, dass das eine Liebesgeschichte ist. 
Hinterfragt beim Lesen, was euch da vorgesetzt wird und fragt euch, ob das wirklich okay ist, was euch da als Liebesroman vorgesetzt wird. 

Bibliographische Angaben

Das Haus in der Löwengasse * Petra Schrier * 352 S. * Rowohlt  Verlag



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