[Rezension] Das Kaffeehaus - falscher Glanz

 


Inhalt: 

Die junge Sophie von Werdenfels tritt ihre Stelle als Kaiserin Sisis Hofdame an. Doch im Hofstaat hat sie es schwer. Insbesondere die Gräfin Marie Festetics, Sisis Favoritin, verfolgt jeden ihrer Schritte mit Eifersucht und Argwohn. Sophie erlebt das vordergründig glamouröse, hinter den Kulissen jedoch zutiefst bigotte Leben am Kaiserhof mit. Als Hofdame muss sie auch an der Hochzeit ihrer grossen Liebe Richard mit Amalie von Thurnau teilnehmen. Als sie selbst gegen ihren Willen mit einem viel älteren Adeligen verheiratet werden soll, flieht sie vom Hof ins Kaffeehaus ihres mittlerweile schwer kranken Onkels. Dort übernimmt sie die ersten Leitungsaufgaben …

 

Trigger: 

 

Meinung: 

 Ich bespreche den Inhalt (haha) Spoilerwarnung 
 
Trotz ein paar kleiner Schwächen, war der erste Teil der Kaffeehaus-Saga eins meiner Lesehighlights 2020. In der tiefe meines Herzens bin ich ein einfaches Mädchen. Alles was ich wollte war Belle Epoque, Wien, Habsburgerdrama und ein bisschen Sissi. Und das Buch hat mir alles gegeben, inklusive eines Plots, der auf ein unausweichliches Ziel zugesteuert ist. 
Da dieses Ziel aber Mayerling war und damit ein Großteil der interessanteren Figuren aus der Geschichte genommen wurde, hatte ich mich gefragt, wie Marie Lacrosse dieses Loch, das Rudolf und Mary hinterlassen haben, füllen will. 
Nun nachdem ich mich durch fast 700 Seiten "Falscher Glanz" gekämpft habe, kenne ich die Antwort. 
Sie konnte es nicht. 
 

Viel Füllung. Wenig Inhalt. Kein Ziel. 


Ein sehr prominentes Problem das ich mit diesen "Sagas" habe, ist, dass sie kein wirkliches, klar definiertes Ziel haben. Die Protagonistin hat immer nur diesen ominösen Wunsch "ein selbstbestimmtes Leben zu führen" oder "ihren Weg zu gehen" und das endet in den allermeisten Fällen in einem Buch, das nur den Alltag beschreibt und irgendwann ist das Buch dann zu Ende. 
Band eins hatte die Affäre Mayerling, es war von Anfang an klar, dass das Buch eine Klimax hat, einen Moment auf den alles zuläuft. 
Diesen Moment hatte "falscher Glanz" nicht. 

Der Klappentext gibt den kompletten Inhalt wieder. 
Nur, dass die Ereignisse die auf dem Rückentext angesprochen werden (Richies Hochzeit und die Tatsache, dass Sophie die Erbin des Kaffeehauses wird) erst auf den letzten 150 Seiten stattfinden. Alles was auf den über 500 Seiten vor der Hochzeit passiert, ist Füller. Es ist auf der einen Seite natürlich sehr gut recherchierter Füller, weil ich ehrlich glaube, dass Marie Lacrosse die historischen Ereignisse bis ins Detail recherchiert hat. Sie weiß immer was, wo und wann passiert ist. Sie kennt - in der Theorie - alle Regeln des spanischen Hofzeremoniells und all diese viele Recherche packt sie als große Blöcke Infodump in den Text. Es gibt ganze Szenen, die bestehen nur daraus, dass Maria von Goess oder eine andere Hofdame Sophie zehn Seiten über dies und das informiert. 
Wir hören zwanzig Seiten lang, wie eine Fußwaschung zu Gründonnerstag abläuft, wie die Regeln im Fräulleintrakt sind und so weiter, auf der anderen Seite hatte ich aber auch das Gefühl dass die Autorin alles über die Zeit recherchiert, sie aber nicht wirklich verstanden hat. 
 
Sophie von Werdenfels, eine junge Adlige, kommt an den Hof und soll nur für besagte Fußwaschung ihre Garderobe auswählen. Weil sie auf den Job, für den alle anderen töten würden, keine Lust hat, hat sie verbummelt einfach nachzufragen, was man anzieht und schickt ihre Zofe los, die anderen Zofen fragen, was deren Damen so anziehen. Dabei ignoriert sie den Fakt, dass alle anderen Damen sie hassen einfach mal weg und das ganze endet selbstverständlich in einem Drama de Luxe, weil sie total unpassend angezogen ist. 
Und das ist das was ich meine. Sophie wächst in Wien auf und das Buch erwähnt mehrmals wie erzkatholisch alle sind. Und die Autorin will mir wirklich erzählen, dass Sophie nicht weiß, dass ein bonbonfarbenes Kleid mit tiefen Ausschnitt nichts ist, was man in der Karwoche (dem Höhepunkt der Fastenzeit, in der die Kreuze abgehangen werden und man extra krass viel betet) tragen soll? Ich weiß das, und ich war nicht auf einer fancy Schule für reiche Mädchen. 
Man will mir erzählen, dass eine Komtess, die mit den Regeln der Etikette aufgewachsen ist und uns immer vorbetet was "richtig" für eine junge Dame ist, nicht weiß, dass halbe Ärmel, keine Handschuhe, tiefes Dekolletee nichts ist, was man über Tag trägt?  
Im Grunde weiß ich, was die Szene soll. Die arme, naive Sophie in der Schlangengrube. Sie ist so rein und edel und man spielt ihr so übel mit. Aber so unter uns Betschwestern, in der Szene kommt Sophie einfach als total inkompetent und doof rüber, weil es einfach so harte basics sind. 

Der Mittelteil tangiert zwar Themen wie den Streik der Kutscher und Probleme innerhalb der Armee, aber das ist kein Ersatz für einen ordentlichen Plot. Es ist Füller. Vorallem agieren sowohl Sophie, als auch unser Herzchen Richie, aus einer extrem priviligierten Position heraus. Es ist ja schön und gut, dass soziale Missstände angesprochen werden, wenn man sich aber aus seiner schicken Villa am Graben darüber aufregt, sitzt man wenigstens im Trockenen dabei. 
Das Buch mäandert endlos durch Infodumps und kleine Probleme die nie länger als zehn Seiten dauern. Ich habe gut 200 Seiten quergelesen, in der Hoffnung, dass endlich mal etwas passiert, etwas, das mir die Richtung zeigt in die der Plot steuert. 
Die Antwort steht auf dem Klappentext, Sophie bekommt das Kaffeehaus und Richie heiratet. 
 
Und wo wir schoon bei Richie dem alten Fuckboy sind ... lets talk about 
 

Slutshaming, Frauenhass und White Fake Feminism

 
Sagas werben ja ganz oft mit den Buzzwords "Emanzipation" und "Selbstbestimmung". Es wurde auch schon angekündigt, dass sich Teil 3 der Reihe, um die Frauenrechtsbewegung und den ersten Frauenstreik rund um Amalie Seidel drehen wird. 
Feminismus ist ein tolles Thema, aber ich sag es ganz ehrlich, nach all dem was ich in Band 2 lesen musste, kann man sich am Ende des Tages Amalie Seidel auch kleben. 
 
Denn meine Lieben, es reicht nicht, dass man der Protagonistin ihre kleine Emanzipation und ihr Cafe gönnt, weil und ich zitiere hier Emma Watson "Feminism is not a stick to beat other women". 
"Falscher Glanz" ist, vorallem durch Richard von Löwenstein, unseren Prota, so verdammt ekelhaft zu Frauen, dass ich es manchmal gar nicht fassen konnte. 
 
Ich erkläre das mal am Beispiel von Amalie von Thurnau. Richards Verlobten. Einer Figur, die nur erschaffen wurde, um so richtig abartig scheiße zu ihr zu sein. 
Aus Band 1 kennen wir ihre Hintergrundgeschichte. Mit 16 hatte Ami eine Affäre mit einem Kammerdiener, sie wurde schwanger und hatte eine Fehlgeburt. Nicht, dass das Buch auch mal einen Pieps über das Trauma verliert oder was es für Ami bedeutet hat. Nein, sie wird von ihrem Vater und vorallem von Richard, wie Abfall behandelt, den man unter der Hand verschachern muss. 
Amalie ist die Anti-Sophie. Ihre einzige Daseinsberechtigung ist es, 0815-Sophie als die "bessere Alternative" dastehen zu lassen. Wo Sophie das Bild der perfekten, keuchen, ehrlichen, bescheidenen , hart arbeitenden Jungfer übernimmt, den diese Sagas und das Genre ununterbrochen propagieren, ist Ami das komplette Gegenteil. 
Alle zwei Tage schlüpft sie - mit dem Segen ihres Vaters (urgh) - in Richies Bett und die zwei haben sexy time. Und nach dem Sex darf ich mir von Richie das folgende anhören
 
"Seither kam Amalie nachts immer öfter in Richards Bett. Ihren Kniffen ihm Lust zu bereiten, die er eher von einer professionellen Dirne erwartete hätte [...] erlag er dabei immer wieder aufs Neue. Um sich danach selbst zu verachten und Amalie innerlich zu verfluchen"
 
S. 46 
 
Tür abschließen oder nein sagen könnte helfen Richie, aber okay. 
Stattdessen darf ich mir von einem 30jährigen verlotterten Nichtskönner anhören, dass seine 18 jährige Teenagerverlobte, die er gerade gepoppt hat eine Dirne ist. Er hat schon die halbe k.u.k. Monarchie mit seinem Gemächt beglückt, aber die Frau ist natürlich das Problem. Wir kennen. 

Irgendwann wird Ami schwanger. 
Dann AN IHREM HOCHZEITSTAG verliert sie das Kind und im Subtext wird heftig angedeutet, dass das so ist, weil sie zu wild getanzt hat. Der braven, keuchen Sophie wäre das natürlich nicht passiert, auch das wird angedeutet. 
 
Man muss sich das mal geben, ein Buch und eine Reihe, die sich auf die Fahne schreibt dass "Frauen schon ihren Weg gehen können" slutshamed eine Minderjährige über 700 Seiten bei jeder Gelegenheit. Benutzt den tragischen Verlust ihres ungeborenen Kindes, dass sie AM TAG IHRER HOCHZEIT, verliert als billiges Plot Devise und spricht danach einfach nicht mehr darüber. 
Und als Krönung darf ich mir von Richie dann Sätze wie diesen hier geben: 
 
"Denn vor ihrer Fehlgeburt (Nr. 2) war Ami, ungewöhnlich genug für eine junge Frau, auf die Befriedigung ihrer eigenen Lust geradezu versessen gewesen. Eine Weile hatte dies auch Richard erregt, sodass ihre Beziehung zumindest im Schlafzimmer der einer erfüllten Ehe entsprach"

Fassen wir zusammen. Eine zweite Fehlgeburt einer Minderjährigen hat sie endlich von ihrer Libido geheilt. Yeah I guess. 
Und genau wegen so einer frauenfeindlichen Kackscheiße, kann sich das Buch seinen Feminismus halt auch kleben. 

So und jetzt zu Richie. 
Richard ist eine Figur, die würde sich selbst dann nicht reflektieren, wenn sie nackt vor einem mannshohen Spiegel stünde. 

Richard ist ein misogynes Arschloch. 
Und nein, ich entschuldige mich nicht für diese Meinung. 

Ich kann die große Liebe zwischen ihm und Sophie nicht nachvollziehen und ich will sie auch nicht haben. Der Plot tut zwar alles, um ihn einen Redemption-Arc zu verpassen (u.a. muss dafür sein ungeborenes Kind sterben.) er klärt auch Missstände in der Armee auf und so weiter, aber sein Verhalten macht das trotzdem nicht wett. 
Richie denkt nur mit seinem Schwanz. 
Etwas anderes interessiert ihn nicht. Und ich kann nicht mal ansatzweise so etwas wie Sympathie für ihn empfinden. Was ich auch nicht kann, ist diesen zwei ungeilen Menschen im dritten Teil dabei zusehen, wie sie am Ende zusammen in den Sonnenuntergang reiten. 
  
 Sophie und er haben null Chemie zusammen. Null. Es ist als würdest du Wasser in Wasser kippen und zusehen, wie es warm wird. Sie haben halt auch nix. Keine echte gemeinsame Story. Sie haben sich auf einem Ball getroffen, und es war Insta-Love und dann hatten sie 3 Treffen auf dem Jour Fixe von Sophies Mutter und dann 4 Treffen im Cafe ihres Onkels. Und das wars. Für mich haben die zwei keine Lovestory, sie ist nur in dem Buch, weil das Genre sagt, wir brauchen eine Lovestory und ordentlich Drama. 

Fazit: 

Ich wusste, dass Band 2 ein Problem haben wird. 
Ich wusste, es wird nicht leicht, den Verlust der Plotträger zu kompensieren. Dass dann aber auf fast 700 Seiten so gut wie gar kein Plot stattfindet und die Story, die ich am Ende bekomme nur aus Füllern, Infodumps, Wiederholungen und Slutshaming besteht, war dann doch eine Nummer zu viel. 

Marie Lacrosse kann schreiben, keine Frage
Marie Lacrosse hat sehr viel und in der Theorie auch sehr gut recherchiert, auch keine Frage. 
Aber für mich reichen die zwei Fakten nicht aus, um eine spannende Geschichte zu schreiben, über Charaktere mit denen ich mitleiden kann. 
 
Teil 3 werde ich nicht lesen.  

Danke für das Leseexemplar an Bloggerportal

Bibliographische Angaben

Das Kaffeehaus - falscher Glanz * Marie Lacrosse * Goldmann Verlag * 704 S. * 978-3-442-20598-1

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